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JÄNNER: Neue Klimaformate, ignorierte Winter-Klimakrise und mehr Wissenschaftsjournalismus

Unser nächstes Treffen: Klima-Kodex Diskussion

Am 29. November 2022 haben wir mit Journalist:innen von ORF, Standard, APA, Presse, Falter, Moment Magazin, Biorama sowie mit freischaffenden Journalist:innen den Entwurf des Klima-Kodex diskutiert. Am 17. Jänner 2023 ab 18.30 Uhr (im fjum Wien)stellen wir den überarbeiteten Entwurf mit Präambel erneut zur Diskussion. Wichtigster Punkt: Der Kodex ist kein Eingriff in die redaktionelle Unabhängigkeit. Die Umsetzung ist den Redaktionen selbst überlassen.

Alle Journalist:innen, Medienschaffende und Journos in Ausbildung sind herzlich eingeladen. Wir bitten um Anmeldung. Leitet die Einladung gerne an eure Kolleg:innen weiter.

Top/Flop des Monats – Klimaberichterstattung, die aufgefallen ist

TOP

  • Neue Klimaformate 2022 in Österreich

Zwar ist die Klimaberichterstattung noch nicht dort, wo sie sein sollte, die meisten Medien haben aber mittlerweile ein Klima-Ressort oder eine Rubrik – und im Vorjahr sind weitere vielversprechende Formate hinzugekommen: Sandra Walder leitet seit Ende 2021 das Klima-Team der Austria Presse Agentur (APA) und seit einigen Monaten auch das Chronik-Ressort. Neu bei der APA seit 2022: ein eigenes Klima-Glossar. Klimatologe Simon Tschannett schreibt seit Herbst 2022 eine Klima-Kolumne für die Vorarlberger Nachrichten. Schon einige Monate vorher begann das Medium unter Julia Schilly mit dem Ausbau der Klima-und Umweltberichterstattung.

Das Datum Magazin hat mit ”Breitengrade” einen Klima-Newsletter ins Leben gerufen, in dem internationale Journalist:innen aus ihrer jeweiligen Region über die Klimakrise berichten. Im ORF ist das ZIB Magazin Klima entstanden. Mittlerweile führt neben Gerhard Maier auch Meteorologe Marcus Wadsak jeden Samstag durch die Sendung. Klima-Beiträge findet man auch auf der im November 2022 gegründeten Plattform “ORF TOPOS”. Beim Profil wurde der Faktencheck ausgebaut, die Klima-Faktenchecks sind gesammelt abrufbar. Der Standard hat seit Jänner 2022 jeden Dienstag eine Klima-Seite. In der Presse am Sonntag gibt es seit dem Vorjahr eine eigene Klima-Seite von Matthias Auer im Wirtschaftsressort. Und auf MeinBezirk.at werden seit September 2022 laufend Gastkommentare von “Fridays for Future”-Aktivist:innen veröffentlicht.

2023 kommen hoffentlich weitere Ressorts und Formate dazu. Falls wir bereits bestehende übersehen haben, lasst es uns gerne wissen.

  • Ökologe Franz Essl ist Wissenschafter des Jahres 2022

Franz Essl wurde vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen zum Wissenschafter des Jahres 2022 gewählt. Die Klimakrise und das Artensterben seien untrennbar verbunden, so der Professor der Uni Wien im Gespräch mit dem Netzwerk Klimajournalismus. Deshalb könne man beide Krisen nur gemeinsam lösen. Das Wissen darüber müsse insbesondere in Journalismus-Ausbildungen gelehrt werden.

Essl fordert zudem mehr und besseren Wissenschaftsjournalismus. Die ökologischen Krisen müssten in den großen Fernseh- und Radiosendungen der Zeit im Bild (ZIB) und Ö1-Journalen einen Fixplatz bekommen.

FLOP

  • Wintersport-Berichterstattung auf Abwegen

So wenig Schnee wie heuer gab es seit 1961 nicht mehr. Weiße Bänder zieren grüne Wiesen. Sieben der acht ersten Rennen im Ski-Weltcup mussten abgesagt werden. Europa steckt in einer Winter-Hitzewelle, um Neujahr wurden tausende Hitzerekorde gebrochen. Schuld daran ist ein Mix aus kurzfristigen Wetterschwankungen und der menschengemachten Erderhitzung. Folgerichtig fordert Maximilian Mayerhofer in der Morgenpost des Profil: “Ein globaler und aktiver Klimaschutz mit klaren politischen Ansagen ist jetzt notwendiger denn je.” Auch die Coverstory der aktuellen Ausgabe widmet sich der Winter-Klimakrise: “Schifoan war des Leiwandste … Wie sich der Wintertourismus neu erfinden muss.”

Allgemein scheint die Klimakrise präsenter zu werden. Es wäre auch schwer, sie derzeit zu ignorieren, aber unmöglich ist es nicht. Einige Beispiele: Zukunftsforscher Peter Zellmann zweifelt in den Salzburger Nachrichten viele Fakten an und verbreitet Klima-Desinformation. Wir haben bereits im Dezember 2022 berichtet. Im Standard fragt man zwar, ob mit dem Schnee den Tourismusbetrieben die Geschäftsgrundlage wegschmilzt – die Klimakrise bleibt aber unerwähnt. Das Kleinwalsertaler Schneeband schafft es als Bild der Woche in die Kronen Zeitung. Die Klimakrise nicht. Währenddessen schaffen es hochrangige Spitzensport-Funktionäre immer wieder, in den Medien zu sagen: “Solche Jahre hat es schon gegeben (ÖSV-Frauen-Rennsportleiter Thomas Trinker)”, und dass wir “keinerlei Schwierigkeiten” mit dem Klimawandel hätten (Ex-ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel). Trinkers Aussage ist unhinterfragt und ohne Klima-Konnex online auf ORF Sport zu lesen. Peter Schröcksnadels Verharmlosungen der Klimakrise kursieren wie jene von Seilbahn-Obmann Franz Hörl laufend in diversen Medien. Die Chronologie dessen hat Falter-Redakteur Benedikt Narodoslawsky zusammengetragen.

Dass das sogenannte Weihnachtstauwetter durch den Klimawandel folgenreicher wird, bleibt in der Kronen Zeitung (Sonntagsausgabe, 08.01.2023) unerwähnt.

Dass das sogenannte Weihnachtstauwetter durch den Klimawandel folgenreicher wird, bleibt in der Kronen Zeitung (Sonntagsausgabe, 08.01.2023) unerwähnt.

Das Problem mit Desinformation? Steht sie einmal im Raum, ist es schwer, sie wieder wegzubekommen. Jetzt braucht es vor allem eine fundierte Klimaberichterstattung, die fragt: Wie geht es mit dem Wintersport in Zeiten der Klimakrise weiter?

Und sonst so? – Aktuelle Fakten, Events und Initiativen

TERMINE:

  • Immer dienstags von 17.30 bis 18.45 Uhr findet bis Februar 2023 die kostenlose Vortragsreihe “Klimawissen Online” von ecoversum statt.
  • Am 16. Jänner (17.00 Uhr), 19. Jänner (13.00 Uhr) und 23. Jänner (17.00 Uhr) veranstaltet das Bonn Institut drei aufeinander aufgebaute Webinare über Lösungsjournalismus.
  • Am 19. Jänner (18.00 Uhr) veranstalten das Solutions Journalismu Network und Covering Climate Now ein Webinar über lösungsorientierten Klimajournalismus.
  • Vom 18. bis 20. Jänner 2023 gibt es beim fjum einen Workshop für Erklärvideos zur Klimakrise, geleitet von Matthias Sdun.
  • Am 26. Januar (10 Uhr) findet das kostenlose Webinar “Die Kunst der Ausrede – warum wir uns lieber selbst täuschen, als klimafreundlich zu leben” mit Thomas Brudermann statt.

RESSOURCEN:

  • Clean Energy Wire hat die wichtigsten Termine für die europäische Klima- und Energiepolitik hier zusammengefasst.
  • Die wichtigsten Klimageschichten für 2023 hat Covering Climate Now zusammengetragen.

KONSTRUKTIVER KLIMAJOURNALISMUS:

  • Wie kommt der Klimadiskurs aus der elitären Bubble? Ein vierteiliges Radiokolleg auf Ö1 von Johanna Hirzberger, u.a. mit unserer Sprecherin Verena Mischitz.
  • Bei ”Mission Klima”, dem lösungsorientierten Podcast des NDR, wird alle zwei Wochen eine Lösung vorgestellt, die wirklich einen Unterschied macht.
  • Die neue Plattform ”relevant.news” setzt ganz auf lösungsorientierten Journalismus. In einem der ersten Beitrage geht es um einen besseren Umgang mit unseren Böden.

SCHON GESEHEN?

  • Im tschechischen Klimajournalismus tut sich langsam etwas, schreibt Elena Kolb für das Online-Magazin Klimareporter°.
  • Raphael Thelen, Mitgründer des Netzwerk Klimajournalismus Deutschland, kehrt dem Journalismus den Rücken und wird Klimaaktivist. Seine Entscheidung begründet er im Podcast von Übermedien.
  • Das Klimalabor des Schweizer Republik Magazins möchte gemeinsam mit Leser:innen einen Blueprint für einen journalistischen Ansatz erarbeiten, der nicht nur Abos bringen, sondern auch wirklich etwas in Zeiten der Klimakrise bewirken soll.
  • Im Bericht „Journalism, Media, and Technology Trends and Predictions 2023“ vom Reuters Institute geht es unter anderem um Klimaberichterstattung.
  • Auf klimafakten.de gibt Christopher Schrader einen Überblick über drei neue Bücher zur Klimakommunikation.

JOBS, STIPENDIEN UND PREISE:

  • Das Renner-Institut geht 2023 in die fünfte Runde mit der Medienakademie. Bewerbungsfrist: 27.01.2023.
  • Die Zeit sucht eine:n Online-Redakteur:in für die „Jungen Angebote von ZEIT ONLINE” (32h-Berlin/Remote).
  • Bis 28. Februar 2023 können Beiträge beim UMSICHT-Wissenschaftspreis eingereicht werden.
  • Die Rechercheplattform Inspektorin Grün sucht Medien als Kooperationspartner.

AUS DEM NETZWERK:

  • Netzwerk-Sprecherin Verena Mischitz erklärt im TedCountdown-Talk, warum jede Story eine Klima-Story ist – und was es im Journalismus jetzt braucht. Nachhaltigkeitsforscher und Psychologe Thomas Brudermann spricht am selben Event über Klima-Ausreden, die auch in den Medien immer wieder kursieren.

Alles Liebe

Euer Kernteam


Zahl des Monats: 1,0 – 2,4 Prozent

… ist der Anteil der Klimaberichterstattung am Gesamtprogramm von ‘Tagesschau’, Das Erste, ZDF und WDR. Das ist zwar ein Aufwärtstrend, aber “das Klima erreicht weiterhin nicht die allgegenwärtige Präsenz in der ‘Tagesschau’, wie es zum Beispiel das Thema Wirtschaft vermag, und der Anteil der Sendeminuten mit Bezug zum Klima ist bislang (auf allen Sendern, Anm.) gering”, heißt es in der im Auftrag der ARD an der Universität Hamburg durchgeführten Studie.

Damit spiegelt sich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein ähnliches Bild wie im Print wider: 3,45 % der Berichterstattung in deutschen Tageszeitungen behandeln die Klimakrise, in Österreich sind es gar nur 1,92 %. Eine gute Zusammenfassung der ARD-Studie findet ihr beim Online-Medium klimareporter° und im Twitter-Thread der Kommunikationswissenschaftlerin Nadia Zaboura.