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Kris de Meyer: Angst zu machen ist kein guter Ratschlag

Dürre, Hitzetote, Artensterben, Klimaflüchtlinge – über 90 Prozent der Klima- und Umweltberichterstattung ist negativ und problemorientiert. Weniger dieser Katastrophenberichte und mehr handlungs- und lösungsorientierten Klimajournalismus empfiehlt der britische Neurowissenschaftler Kris de Meyer im Interview. Denn: “Den Menschen Angst zu machen hilft nur dann, wenn man ihnen gleichzeitig eine Lösung anbieten kann.”

Was kann der Journalismus von den Neurowissenschaften lernen?

Journalist:innen können lernen, wie Geschichten bei Menschen ankommen. Viel zu lange hatten wir die Vorstellung, dass Menschen, wenn man ihnen einfach genug Informationen gibt, diese auch verstehen und dann entsprechend handeln.

Natürlich kommt das manchmal vor. Aber wenn sich jemand bereits eine feste Meinung gebildet hat, hat die bloße Weitergabe von Informationen keine große Wirkung. Die Menschen werden es durch die Brille dessen verstehen, was sie bereits in ihrem Kopf haben: ihre Überzeugungen und Ideologien.

Es gibt viel Forschung dazu, etwa die Agenda-Setting Theorie. Diese wurde in den 1960er Jahren formuliert und lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Die Presse kann den Menschen nicht sagen, was sie denken sollen, aber sie ist sehr gut darin, den Menschen zu sagen, worüber sie denken sollen.“ Wenn Sie also viele Artikel über Migration und Kriminalität schreiben, bringen Sie die Menschen dazu, über Kriminalität und Einwanderungsgesetze nachzudenken. Es kann aber auch sein, dass die Menschen das Ausmaß der Kriminalität und der Einwanderung in ihrem Land vollkommen überschätzen, weil die Zahl der Artikel und Schlagzeilen dazu sprunghaft angestiegen ist.

In ähnlicher Weise besteht für manche Leser:innen, zum Beispiel des Guardian, die Gefahr, dass sie das Ausmaß des Klimawandels überbewerten. Damit will ich nicht sagen, dass die Erderhitzung nicht problematisch ist. Aber ich treffe immer wieder Menschen, die glauben, dass sie in 30 Jahren alle tot sein werden. Das ist mit Sicherheit nicht der Fall, die Wissenschaft stützt keinen dieser Glaubenssätze.

Vor kurzem kamen bei einem Sturm in Österreich fünf Menschen durch umstürzende Bäume ums Leben. Die meisten Medien brachten diesen Sturm nicht, oder nicht sofort, mit dem Klimawandel in Verbindung. Sollten Journalist:innen den Zusammenhang zwischen Klimawandel und extremen Wetterereignissen in jedem Bericht darstellen, oder könnte dies sogar dazu führen, dass die Menschen die Bedrohung überbewerten oder sogar in Untergangsstimmung verfallen?

Wenn wir Artikel über Wetterereignisse schreiben, müssen wir in der Lage sein, sie mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen – sofern möglich und gerechtfertigt.

Im Moment gibt es aber keine geeigneten Kennzahlen, die Journalist:innen dabei helfen, diese Verbindung herzustellen. Wir arbeiten derzeit an einem Projekt, das diese Lücke schließen soll, wenn es nächstes Jahr abgeschlossen ist. Dies ist nicht nur eine Frage der Attributionsforschung (Anm.: Damit lässt sich abschätzen, inwieweit der vom Menschen verursachte Klimawandel für das Auftreten individueller Wetter- oder Klimaextreme verantwortlich ist). Meist wird gefragt: „Ist der Klimawandel die Ursache?“ Aber die richtige Frage lautet: „Wie wirkt sich der Klimawandel auf meine Erfahrungen mit diesen Ereignissen aus?“

Im Falle eines Sturms hätten Sie als Journalist:in idealerweise die Möglichkeit, zu überprüfen, wie ungewöhnlich dieser Sturm im Vergleich zu anderen Stürmen war. “Dieser Sturm war eine Neun auf einer Skala von eins bis zehn”, könnten Sie dann beispielsweise sagen. Er ist also ein Zeichen dafür, was als Folge des Klimawandels passiert und was noch kommen wird. Ähnliches gilt auch für Hitzetage.

Die Verbindung zwischen dem Klimawandel und den Alltagserfahrungen der Menschen ist nicht nur auf Katastrophenereignisse beschränkt. Wenn es zum Beispiel im März einen sehr schönen Tag gibt, an dem die Menschen an den Strand gehen – oder in Österreich an einen der schönen Seen -, dann könnten die neuen Daten es den Journalist:innen ermöglichen zu sagen, dass dieser Tag auf einer Skala von eins bis fünf eine Fünf ist, weil es für diese Jahreszeit ungewöhnlich warm ist. Dies ist also die Art von Veränderungen, die wir als Folge des Klimawandels beobachten. Aber man kann nie sagen, dass ein bestimmter Tag oder ein bestimmtes Ereignis die Folge des Klimawandels ist.

Sollte man den Zusammenhang also zeigen oder nicht? Ja, das sollte man, sofern möglich. Aber insgesamt müssen wir die Anzahl der Katastrophengeschichten wieder ins Gleichgewicht bringen.

Der Initative “Project Drawdown” zufolge konzentrieren sich mehr als 90 Prozent der Umwelt- und Klimageschichten auf diese negativen Katastrophenereignisse. Viele Journalist:innen sind immer noch der Meinung, dass das Verständnis, die Besorgnis oder sogar die Angst der Menschen vor der Erderhitzung für Maßnahmen und Verhaltensänderungen notwendig sind. In einer Studie aus dem Jahr 2021 schreiben Sie, dass diese Auffassung falsch ist. Warum?

Den Menschen Angst zu machen hilft nur dann, wenn man ihnen gleichzeitig eine Lösung anbieten kann.

Aber in Bezug auf die Klimakrise ist die Angst, die Sie als Journalist:in auslösen, und die Katastrophe, die Sie aufzeichnen, so massiv und überwältigend, dass Sie diese machbaren Lösungen nicht vermitteln können. Studien aus der Psychologie zeigen zudem, dass das Auslösen von Angst zu differenzierten Ergebnissen führt: Wenn Sie konkrete, durchführbare Maßnahmen anbieten, werden die Menschen diese auch ausführen – und die Angst wirkt. Wenn man sie aber nicht hat, ist es ungewiss, was Menschen machen.

Einige werden aufmerksam zuhören und versuchen, etwas dagegen zu tun. Andere werden wie gelähmt sein. Hier kommt die Klimaangst ins Spiel, von der so viele junge Menschen betroffen sind. Mit solch einer Angst-Botschaft stoßen Sie einige Menschen zu weit weg.

Ein drittes Ergebnis der Forschung aus den 1970er Jahren: Menschen, denen die Angst zu groß wurde und die sich daraufhin davon abwandten. Sie verursachen also Gleichgültigkeit; die Menschen wenden sich ab, weil sie wissen, dass es ihnen ein schlechtes Gefühl vermittelt. Das ist wie beim Vogelstrauß, der seinen Kopf in den Sand steckt.

Angst wirkt manchmal auf Einzelne. Aber funktioniert sie auch als Kommunikationsstrategie? Nein.

Neurowissenschaftler Kris de Meyer

Dann gibt es auch Menschen, die wütend werden und sich auflehnen, und dann den Klimawandel leugnen. Der Moment, in dem Menschen  den Weg zum Klimaleugner oder Klimaskeptiker einschlugen, war ein Moment, in dem sie etwas sahen, das viel zu alarmistisch war. Also fingen sie an, nach schlechten Motiven und Begründungen zu suchen. Man kann sehr leicht ein Narrativ finden, das einem sagt, all das sei übertriebene Panikmache und man müsse sich nicht so sehr davor fürchten.

Diese Art von Durcheinander, das wir in der Gesellschaft sehen – mit ängstlichen Menschen, verzweifelten Menschen, gleichgültigen Menschen und wütenden, leugnenden Menschen – das haben bereits die Studien der 1970er Jahren vorhergesagt.

Zusammengefasst: Angst wirkt manchmal auf Einzelne. Aber funktioniert sie auch als Kommunikationsstrategie? Nein. Denn sie bringt all diese unerwünschten Nebenwirkungen mit sich.

Was sollten wir also anders machen?

Wir müssen den Klimawandel immer noch in Katastrophengeschichten einbringen. Aber wir müssen die Zahl der Geschichten darüber, wie wir das Problem angehen, massiv erhöhen. Denn die Katastrophengeschichten funktionieren nur, wenn es eine Katastrophe gibt oder einen IPCC-Bericht, der über die Katastrophen spricht, die passieren könnten.

Die aktuelle Berichterstattung über den Klimawandel ist nicht nachhaltig. Sie findet nur statt, wenn schlimme Dinge passieren. Wenn wir eine Klimaberichterstattung von ähnlicher Kontinuität wie die Wirtschaftsberichterstattung oder die Sportberichterstattung haben wollen, müssen wir einiges ändern.

Ich meine damit nicht, dass es ein Klima-Ressort geben muss, das neben der Wirtschafts- und Sportberichterstattung steht. Was ich meine, ist, dass die Klimakrise in allen Ressorts mitgedacht werden muss, die es bereits gibt.

Brauchen wir Klima-Dashboards, wie wir sie für die Covid-Pandemie haben? Oder sind Live-Metriken zu abgebrannten Waldflächen, CO2-Budget usw. kontraproduktiv?

In unserem Projekt entwickeln wir gerade einen Prototyp eines Dashboards. Dieses Dashboard kann auch Indikatoren für den Fortschritt enthalten. Es müssen nicht nur Indikatoren für den Weltuntergang enthalten sein.

Was sind Beispiele für Fortschritt-Tracker?

Sie könnten auf dem Dashboard den Anteil der erneuerbaren Energien in Ihrem Energiesystem zu einem beliebigen Zeitpunkt anzeigen. Dann könnten Sie diese Zahlen im Hintergrund einblenden, zum Beispiel in einer Nachrichtensendung. Wenn die Zahlen hoch sind, ist das ein Grund zum Feiern. Wenn die Zahlen niedrig sind, erklären Sie, warum etwa der Solar-Anteil niedrig ist. Vielleicht war es nur bewölkt.

Was sind die Schlüsselelemente einer erfolgreichen Klimageschichte?

Versuchen Sie, eine Geschichte über eine Person zu finden, die etwas verändert hat. Was will ich damit sagen? Wir wissen, dass sich zwischen heute und 2030 oder 2040 – sofern wir uns ernsthaft auf den Weg zu einer Netto-Null-Gesellschaft machen – unheimlich viel ändern wird. Wir werden unsere Häuser anders heizen, wir werden anders essen, der Verkehr wird anders sein. Unternehmen werden anders arbeiten, Finanzorganisationen werden Geld in umweltfreundlichere Projekte investieren, Anwälte werden anders arbeiten, Journalist:innen usw.

All dies sind potenzielle Handlungsfelder. Sie suchen sich eine Person, die in dem Bereich, über den Sie schreiben wollen, Fortschritte erzielt hat. Zum Beispiel ein Unternehmen, das wirklich hart daran arbeitet, Netto-Null zu erreichen. Fragen Sie die Person nach ihrem Weg: Warum haben Sie angefangen? Wie weit sind Sie gekommen? Sind Sie auf irgendwelche Hindernisse gestoßen? Dann können Sie diese Held:innen-Geschichte erzählen.

Solche Erfolgsgeschichten gibt es in vielen Ressorts. Aber es gibt sie selten zur Klimakrise.

Wie kann ich den Vorwurf des Aktivismus reagieren, wenn ich handlungsorientierte, lösungsorientierte Klima-Geschichten schreibe?

Wenn Sie handlungsorientierte Geschichten als eine Geschichte über Aktivist:innen betrachten, dann sind Sie möglicherweise in Schwierigkeiten. Sie könnten die Geschichte von Greta Thunberg erzählen, wie sie zur Aktivistin wurde. Das ist eine handlungsorientierte Geschichte.

Wenn Sie zum Beispiel über einen konservativen Geschäftsmann oder eine Geschäftsfrau schreiben, die Dinge verändern, weil es besser fürs Klima ist, werden Sie den Aktivismus-Vorwurf nicht zu hören bekommen.

Niemand wirft Sportjournalist:innen vor, aktivistische Beiträge zu machen. Zur Corona-Pandemie wird oft berichtet, was in den Krankenhäusern passiert, was Ärzt:innen und Krankenpfleger:innen tun, um die Krise zu bewältigen. Niemand beschuldigt Sie bei solchen Artikeln, Aktivist:in für die Medizin zu sein.

Es geht also nicht darum, den Menschen mit Ihren handlungsorientierten Geschichten zu sagen, was sie tun sollen. In diesem Fall werden Sie aktivistisch. Es geht darum, eine Geschichte über eine Person zu erzählen, die etwas zur Bewältigung einer Krise tut, um den Menschen zu zeigen, was sie tun könnten.