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Interviews

Gloria Benedikt: „Die Klimakrise ist auch eine kulturelle Krise“

Die Regisseurin und Choreografin Gloria Benedikt leitete das Science and Art Project am IIASA. Dort erforscht sie, wie Künstler:innen und Wissenschaftler:innen zusammenarbeiten können, um die Transformation zu unterstützen. Im Interview mit Marie Ritter spricht sie über Vermittlungsarbeit, das Wort „Klima“ und die komplizierte Beziehung von Kulturinstitutionen und Kulturredaktionen zur ökologischen Krise.

Warum ist es wichtig, dass die Klimakrise auch als kulturelle Krise wahrgenommen wird?

Die Klimakrise wird oft immer noch als physikalisches Problem behandelt, über das Wissenschaftsressorts berichten. Der Fokus liegt auf der Reduktion der CO₂-Emissionen. Aber wir wissen seit über vier Jahrzehnten nicht nur, warum es eine so rasante globale Temperaturerwärmung gibt, sondern seit gut 15 Jahren etwa auch, dass es planetare Grenzen gibt, die wir teilweise gerade überschreiten. Wir wissen, wie wir das verhindern könnten, nur tun wir es nicht. Insofern haben wir es mittlerweile hauptsächlich mit einer kulturellen Krise und insbesondere mit einer Verantwortungskrise zu tun.

In der Kunst gibt es eine Tradition, sich mit der Frage zu beschäftigen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Und da müsste man jetzt zum Beispiel fragen: Warum verhalten wir uns so, dass wir uns die eigene Zukunft verbauen, uns die eigene Lebensgrundlage zerstören? Und warum sind wir so schlecht darin, Katastrophen zu verhindern, und lernen meist erst, wenn es zu spät ist? Es gibt sehr wenige Künstler:innen, die sich damit beschäftigen.

Warum ist das so?

Das diskutiere ich mit Kolleg:innen seit Jahren. Ein paar Gründe sind klar: Erstens gibt es in der Kunst eine Tradition, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Wenn man zum Beispiel etwas zum 2. Weltkrieg machen will, hat man in Österreich gute Chancen, bei den Kurator:innen durchzukommen. Aber wenn man sich mit der Zukunft beschäftigen will, mit einer sich anbahnenden Katastrophe, hat man schlechte Chancen, durchzukommen. Zweitens ist die Recherche komplizierter als bei anderen Themen. Man muss einen Zugang zur Naturwissenschaft und zu Wissenschaftler:innen haben. Den haben die meisten Kunstschaffenden nicht. In der Ausbildung lernt man ein Handwerk, nicht, sich mit komplexen globalen Problemen auseinanderzusetzen. Drittens gibt es natürlich, wie auch sonst in der Gesellschaft, viele, die wegschauen und verdrängen, weil das Thema unangenehm ist.

Vor mittlerweile vier Jahren meintest du, dass die Klimakrise auf künstlerischen Bühnen kaum eine Rolle spielt. Hat sich das seitdem geändert?

Nein. 2019 bis 2023 gab es in der Kunstszene eine kleine grüne Welle. Damals haben zum Beispiel auch einige große Theater in Österreich was zum Thema gemacht. Aber gute Arbeiten gibt es nach wie vor kaum. Abgesehen von den drei erwähnten Gründen gibt es auch noch ein systemisches Problem. In der zeitgenössischen Kunstszene steht Innovation im Vordergrund. In der Theaterwelt will man etwa unbedingt zum Berliner Theatertreffen eingeladen werden. Es ist so ähnlich wie in der Wissenschaft. Wenn man nichts Neues entdeckt, wird man nicht im Fachmagazin Nature publizieren. Und so gab es etwa ein Stück zur Klimakrise, „Black Flame“, in dem eine Schauspielerin 70 Minuten lang alleine auf der Bühne stand, auf einem Gerüst herumturnte, und stimmlich eine Meisterleistung hinlegte; es war eine interessante künstlerische Herausforderung, aber leider auf Kosten der Substanz. Das Thema selbst selbst – es sollte um Öl gehen – ist liegen geblieben; das Publikum ist unberührt wieder rausgegangen. Die Art von Innovation, die es benötigt, um die ökologische Krise so zu thematisieren, dass das Publikum anders rausgeht, als es reingekommen ist, würde im derzeitigen Kunstsystem wenig Anerkennung finden. Angewandte Kunst wird benachteiligt. Dabei wäre sie gerade in dieser Weltlage bitter notwendig. Es ist ein Systemversagen.

Warum meiden Kulturredaktionen, über Stücke mit Klimabezug zu berichten, etwa dein Stück „End to Begin“?

Die traditionellen Medien berichten automatisch über Premieren der großen Institutionen, und dann noch über das Berliner Theatertreffen, die Wiener Festwochen etc. Wenn man sich die Spielpläne der Institutionen anschaut, stellt man schnell fest: Die ökologische Krise, eine der größten existenziellen Krisen in der Menschheitsgeschichte, gibt es dort fast nicht. Es ist vollkommen absurd. Und wenn man zu dem Thema, welches die Institutionen ignorieren, selbst in einem mittelgroßen Theater wie dem Odeon spielt, scheint man im System der Kulturjournalisten nicht auf. Wenn jemand berichtet, sind es die Wissenschaftsredaktionen. Ich habe den Eindruck, dass Kulturredakteur:innen Arbeiten zu diesem Thema lieber den Kolleg:innen im Wissenschaftsressort überlassen. Das müsste sich dringend ändern.

Was bräuchte es, damit die Klimakrise auch als kulturelle Krise wahrgenommen wird?

Literatur, Filme, Theaterstücke, Ausstellungen… Sie müsste überall thematisiert werden. Bisher ist das Thema nur in der bildenden Kunst angekommen, aber kaum in der narrativen Kunst, die ein viel breiteres Publikum erreicht. Es gibt natürlich Ausnahmen: die Literatur im angelsächsischen Raum; da sind in den vergangenen fünf Jahren einige ausgezeichnete Romane erschienen. In den Niederlanden und in Kanada wurden Opern aufgeführt, und die kanadische Choreografin Crystal Pite hat eine großartige Trilogie erarbeitet. Es gibt mittlerweile in jeder Kunstform gute Beispiele. Das war vor zehn Jahren noch nicht der Fall. Die Frage ist, ob das jetzt weitergeht und größer wird oder wieder zerfällt. Und dabei spielen auch die Kulturredaktionen eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung.

Wie könnten die Berührungsängste von Kulturredaktionen hinsichtlich Kunst mit Klimabezug gemildert werden?

Ich habe den Eindruck, im Moment fehlt noch das Bewusstsein dafür, dass es diesen blinden Fleck gibt.

Was wäre wichtig bei der Vermittlung?

Ich vermeide etwa das Wort „Klima“. Wenn ich in eine Stückbeschreibung Klima schreibe, verliere ich einen Großteil des Publikums. „Klima“ kann schon keiner mehr hören. Aber es ist ohnehin kein adäquater Ausdruck. Ich bin dazu übergegangen, „ökologische Krise“ zu sagen, das macht klarer dass es nicht nur um CO₂-Emissionen geht, sondern dass wir die Natur überlasten. Und man braucht einen interessanten Plot. Als ich zum Beispiel im Stück „End to Begin“ gesagt habe, dass Menschen aus dem Jahr 2075 auf Besuch kommen, um zu erfahren, was wir gewusst, wie wir gedacht und wovon wir geträumt haben, gab es breites Interesse. Da kamen auch Menschen ins Theater, die sonst weder ins Theater gehen, noch sich für Wissenschaft interessieren. Sie wollten die zukünftige Generation treffen.

Mit Bezug auf deine Arbeit am IIASA: Wie lautet deine „Zutaten-/Rezepteliste, wie künstlerische Auseinandersetzung mit der ökologischen Krise gelingen kann?

Gute Recherche. Also die Publikationen lesen, mit Wissenschaftler:innen darüber diskutieren, und dann überlegen, was das für die Conditio Humana bedeutet, und wie man über diesen Zustand eine gute Geschichte erzählen kann. Also, man muss dann auch eine passende künstlerische Form finden, wie das dokumentarische Theater. Und eine gute Geschichte ist konstruktiv. Da gibt es weder eine Apokalypse noch ein Happy End, wo die Technologie uns rettet.

Hat sich auch die Vermittlung verändert? Was ist deine Einschätzung?

Ja, ich glaube, dass die, die seit einem Jahrzehnt oder länger an dem Thema arbeiten, besser darin geworden sind, die Krise umfassender zu begreifen. Es geht um eine größere Weltanschauung, in der Ökologie, Demokratie und Menschenrechte verbunden sind. Es geht um planetaren Humanismus.